So geht Übergeben

IHK Reutlingen, Tübingen und ZollernalbFoto: contrastwerkstatt - stock.adobe.com

Angesichts des demographischen Wandels und der Bedeutung für Arbeitsplätze und den Standort kommt dem Thema Nachfolge eine wichtige Bedeutung zu. Rund 1500 Betriebe stehen in der Region Neckar-Alb in den nächsten Jahren vor dem Generationenwechsel. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die frühzeitige Planung der Übergabe.

Sie erhalten Unterstützung

Sie erhalten Unterstützung

Sowohl für die Übergebenden als auch für die Übernehmenden stellt die Unternehmensübernahme eine Vielzahl von Fragen und Herausforderungen. Für Unternehmerinnen und Unternehmer hat der Prozess häufig auch eine stark emotionale Komponente, denn es bedeutet zugleich auch den Abschied vom eigenen Lebenswerk.

Unterstützung bietet das Internetangebot der Gründer- und Nachfolgeregion Neckar-Alb. Das Angebot von regionalen Partnern umfasst Informationen, Veranstaltungen sowie vertrauliche Beratungsgespräche in allen Phasen des Übergabeprozesses.

Das 2021 gegründete Bündnis Nachfolge Neckar-Alb ist ein Zusammenschluss von regionalen Nachfolgeexpertinnen und –experten aus den drei Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalb sowie überregionalen Experten.

Im Mittelpunkt des Bündnisses stehen Maßnahmen und Aktivitäten, die:

  • potenzielle Übergeberinnen und Übergeber von Unternehmen sensibilisieren und identifizieren,
  • diese mit Übernehmerinnen und Übernehmern zusammenbringen und
  • sie bei der Übergabe von Unternehmen bzw. dem Verkauf von Beteiligungen im Rahmen der Unternehmensnachfolge unterstützen und fördern.

Ihre Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner.

Formen der Betriebsübergabe

Formen der Betriebsübergabe

Die Form der Unternehmensübergabe muss aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen in jedem Unternehmen individuell gelöst werden. Entscheidend für ein erfolgreiches Nachfolgemodell ist die Wahl von geeigneten Personen.

Familienintern

  • Nachfolger/Nachfolgerin kommt aus der Familie. Regelmäßig findet ein Generationenwechsel statt.

Typische Problemfelder:

  • Frühzeitige und offene Kommunikation
  • Starke emotionale Komponente

Mögliche Formen:

  • Vererben, verschenken, verrenten, verpachten, Verkauf innerhalb der Familie

Mezzanine Formen:

  • Fremd-Geschäftsführer: Die Familie bleibt im Besitz der Geschäftsanteile und möglicher Immobilien
  • Gründung einer Stiftung (Familien-, Unternehmens-, gemeinnützige Stiftung)

Gründe:

  • Schutz vor Zerschlagung
  • Steuerlicher Vorteil
  • Trennung Betrieb und Besitz

Unternehmensintern

  • Management-Buy-Out
  • Erwerb eines bestehenden Unternehmens durch interne Führungskräfte.

Typische Problemfelder:

  • Akzeptanz durch Übergeber, ehemalige Kollegen und Kunden?
  • Betriebsblindheit?
  • Eigenständigkeit?
  • Finanzierung?
  • Bereitschaft zur Risikoübernahme

Unternehmensextern

Kauf eines Unternehmens durch strategischen Investor: meist Mitbewerber oder ein Unternehmen aus der vor- oder nachgelagerten Wertschöpfungskette

Typische Problemfelder:

  • Interesse nur an Know-how bzw. Kundenstamm und weniger am Betrieb selbst
  • Höheres Risiko für Mitarbeiter
  • Akzeptanz durch Mitarbeiter

Finanzinvestor: meist Private Equity- oder Beteiligungsgesellschaften

Typische Problemfelder:

  • Sehr umfangreiches Vertragswerk
  • Erhebliches Erfahrungs- und Verhandlungsungleichgewicht zwischen Investor und Unternehmerin und Unternehmer

Management-Buy-In

  • Externe Führungskräfte kaufen ein bestehendes Unternehmen.

Typische Problemfelder:

  • Matching ist anspruchsvoll

Ablauf und Phasen der Betriebsübergabe

Ablauf und Phasen der Betriebsübergabe

Die Unternehmensübergabe lässt sich in typische Phasen gliedern. Dieser Prozess kann regelmäßig 1-5 Jahre oder länger dauern.

Sensibilisierung und Vorbereitung

  • Emotionen, Ziele, Ängste
  • Bereitschaft zur Übergabe
  • Erste Überlegungen, die Übergabe initiieren
  • Status-quo feststellen in Bezug auf die Unternehmerin bzw. den Unternehmer (persönliche, rechtliche, finanzielle Situation) und das Unternehmen (bisherige Unternehmensentwicklung, Rechtsform und Führungsstruktur, Markt- und Branchenposition, Produkte und Produktion, Management und Mitarbeiter, Ertragslage, Unternehmensstrategie und Entwicklungsperspektiven)

Checkliste

Checkliste

Folgende Fragen sollte eine Unternehmerin bzw. ein Unternehmer im Vorfeld der Unternehmensübergabe in Bezug auf die eigene Person klären:

  • Wie verbringe ich die Zeit nach der Übergabe? Gibt es Hobbies oder ehrenamtliches Engagement?
  • Wie kann ich mein Leben in Zukunft gestalten? Welche Pläne habe ich?
  • Habe ich Regelungen für den Notfall getroffen?
  • Wie ist der Güterstand in meiner Ehe?
  • Gibt es einen Erbvertrag oder ein Testament?
  • Sind die vorhandenen Pflichtteilsansprüche berücksichtigt worden?
  • Sind die ehe- und erbrechtlichen Regelungen mit dem Gesellschaftsvertrag abgestimmt?
  • Sind die Regelungen passend zur heutigen Situation? Gibt es Alternativen?
  • Wie ist meine finanzielle Situation (Regelung der Altersvorsorge, Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben)?
  • Wie ist meine Rolle im Unternehmen? Kann das Unternehmen auch ohne meine tägliche Anwesenheit geführt werden?
  • Bin ich schon bereit, über die Nachfolge nachzudenken?
  • Wann möchte ich mein Unternehmen übergebe?
  • Welche unternehmerischen Ziele verfolge ich mit der Übergabe? Wer übergibt was wann und wie an wen?
  • Gibt es bereits eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger?
  • Gibt es für die Nachfolgerin/den Nachfolger ein Anforderungsprofil?

Folgende Fragen sollte die Unternehmerin bzw. der Unternehmer in Bezug auf sein Unternehmen klären:

  • Was sind die Meilensteine in der Unternehmensgeschichte?
  • Wer ist für welche Aufgabe in der Geschäftsleitung zuständig? Wie ist die Vertretung geregelt?
  • Wer sind die Bevollmächtigten für Bankgeschäfte?
  • Wer ist Ansprechpartner für Kunden und Lieferanten?
  • Wie ist die rechtliche Situation des Unternehmens (Rechtsform, Anteilverteilung, Gesellschaft- und sonstige Verträge)?
  • Wurde eine Betriebsanalyse durchgeführt?
  • Liegen die Jahresabschlüsse der letzten Jahre vor?
  • Sind Unternehmenskonzept und Unternehmenszweck bereits einmal schriftlich festgehalten worden?
  • Welche Erwartungen gibt es für die Branchenentwicklung?
  • Wo steht mein Unternehmen im Markt?
  • Waren die Marketingmaßnahmen bisher erfolgreich?
  • Wie viel Marktmacht haben die Lieferanten des Unternehmens?
  • Wie ist die Kundenbindung und –konzentration zu beurteilen?
  • Besteht die Gefahr neuer Markteintritte oder werden Ersatzprodukte auf den Markt kommen?
  • Wie lässt sich die Produktpalette beschreiben?
  • Verlaufen Produktionsprozess und Vertrieb reibungslos und werden Qualitätsstandards eingehalten?
  • Wie sind das Management und die Mitarbeiter organisiert? Gibt es regelmäßige Mitarbeitergespräche?
  • Gibt es ein funktionierendes Controlling?
  • Ist die Finanzplanung auf die Belastungen nach der Übergabe abgestimmt?
  • Wie sind das Wachstumspotential und die Strategie des Unternehmens?
  • Ist ein Investitionsstau auszumachen? Ist die Betriebsausstattung noch leistungsfähig?
  • Wo besteht Anpassungsbedarf? Was muss erledigt werden, um eine reibungslose Unternehmensübergabe zu ermöglichen?

Nachfolger suchen

Nachfolger suchen

Das solllten Sie vor der Suche machen:

  • Unternehmensexposé erstellen
  • Anforderungsprofil für Nachfolgerin/Nachfolger erstellen (für Börsen)

Unterschiedliche Einrichtungen bieten Unterstützung bei der Kontaktvermittlung zu potentiellen Übernehmerinnen und Übernehmern

  • Industrie- und Handelskammern
  • Handwerkskammern
  • Wirtschaftsförderer
  • Eigenes Netzwerk / vorhandene Kontakte
  • Steuerberater/Rechtsanwälte
  • (M&A) Unternehmensberater
  • Hausbanken
  • Inserate in Tageszeitungen/Fachzeitschriften/Branchenpublikationen, usw.
  • Nachfolgebörsen

Mit der bundesweiten Unternehmensnachfolgebörse „nexxt-change“ (www.nexxt-change.org) wird Nachfolgerinnen und Übergeberinnen ein kostenloses Angebot zur Verfügung gestellt.

Die IHK Reutlingen bietet mit der IHK-Unternehmensnachfolgebörse ein regionales Angebot.

Mögliche Nachfolgekandidatinnen und -kandidaten sondieren

  • Kandidaten mit Anforderungsprofil abgeglichen
  • Quick-Check bei allen gemacht: Stimmen Chemie und Preis?
  • 1-2 Top-Kandidatinnen bzw. Kandidaten ausgewählt
  • Entscheidung: Wer übersteht die Endauswahl?

Genau hinsehen: Die Übernahmekandidaten kennenlernen

  • Due-Diligence-Prozess durchlaufen
  • Alle Risiken identifiziert (inkl. Altlasten etc.)
  • Unternehmensbewertung, Kaufpreisverhandlungen, Preis realistisch?
  • Entscheidung: Wie könnte es gehen?

Unternehmensbewertung

Unternehmensbewertung

Den Wert eines Unternehmens zu ermitteln ist nicht einfach, da es einen objektiven Firmenwert nicht gibt. Der Übernehmer möchte einen möglichst geringen Kaufpreis festlegen, der Übergeber neigt hingegen dazu den Wert des eigenen Unternehmens zu überschätzen. Ein Unternehmen ist nur so viel Wert, wie für es bezahlt wird. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Unternehmenswert und Preis sind selten deckungsgleich. Der Kaufpreis muss für den Übernehmer nachhaltig finanzierbar sein.

Es bestehen verschiedene Berechnungsverfahren.

  • Ertragswertverfahren: Dieses Verfahren berücksichtigt die zukünftigen Gewinne des Unternehmens und einen unternehmensindividuellen Risikozinssatz         

Online-Tool KMU-Rechner: www.kmurechner.de (EMF-Institut der HWR Berlin)

  • Discounted Cashflow Verfahren (DCF): Der zukünftige Cash-Flow wird als Basis

herangezogen. Standardverfahren der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Standard des Instituts für Wirtschaft (IWD)

  • Substanzwertverfahren: Bestimmung des Unternehmenswertes an den im Unternehmen vorliegenden Vermögensgegenständen und Schulden zum Zeitwert.

Stellt Wertuntergrenze bei Fortführung dar und wird nur noch in Ausnahmesituationen herangezogen

  • Liquidationsverfahren: Stellt absolute Wertuntergrenze dar und wird nur genutzt, wenn das Unternehmen keine Zukunftsfähigkeit besitzt.
  • Multiplikatorverfahren: Vergleichbare Unternehmen werden herangezogen, um das Unternehmen zu bewerten.

Pläne, Umsetzung, Verträge

Pläne, Umsetzung, Verträge

Übergabeplan ausarbeiten

  • Übergabefahrplan entwickelt mit Zeitangaben
  • Übernahmeform geklärt (Kauf, Pacht, Schenkung o.ä.)

Gemeinsame Umsetzung der Betriebsübernahme
Wenn sich Übergeberin und der oder die Übernehmerin gefunden haben und ihre Ausgangspositionen geklärt haben, ist nun das Konzept für die Übergabe zu erstellen. Dabei ist eine Unterstützung durch externe Spezialisten sinnvoll, damit alle Bereiche (betriebswirtschaftliche, steuerliche, rechtliche und persönliche Aspekte) in die Lösung einfließen. Eine „Lösung von der Stange“ wird den individuellen Gegebenheiten eines jeden Falls nicht gerecht und kann die Beteiligten teuer zu stehen kommen.

  • Die Übergangsphase ist häufig von psychologisch-emotionalen Konflikten zwischen Übergeberin und Übernehmerin geprägt
  • Die Übertragungspartner sollten vor der Umsetzung klare Zwischenschritte vereinbaren, die schriftlich fixiert und terminiert werden
  • Der/die Übergeberin muss sich klar werden, dass der Weg zum Unternehmen ein Prozess ist und nicht von heute auf morgen gelingt
  • Um Rollenkonflikte zu vermeiden, sollten Aufgabenbereiche klar definiert und voneinander abgegrenzt werden

Verträge verhandeln

  • Kauf-/ Übergabevertrag entwickelt
  • Verträge mit Testamenten abgeglichen
  • Verträge unterzeichnet

Recht und Steuern

Recht und Steuern

Recht
Im Übergabeprozess tauchen vielfältige rechtliche Fragestellungen auf. So existieren beispielsweise bereits Verträge, die bei einer Unternehmensnachfolge meist weiter Bestand haben. Hierzu sollte eine schriftliche Bestandsaufnahme erfolgen. Ein weiterer rechtlicher Aspekt ist die Wahl der geeigneten Unternehmensform vor der Übergabe. Außerdem müssen im Übergabeprozess weitere Verträge wie der Übergabevertrag oder Absichtserklärungen gestaltet und rechtlich einwandfrei formuliert werden. Eine professionelle juristische Beratung ist deshalb ratsam.

Steuern
Die Art und Höhe von steuerlichen Be- oder Entlastungen bei einer Unternehmensnachfolge hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, wie etwa der Form der Übertragung, der Rechtsform des zu übernehmenden Unternehmens oder persönlichen Freibeträgen. Es ist deshalb ratsam einen Steuerberater einzubeziehen.

Notfallplanung

Notfallplanung

In der Praxis gibt es immer noch viele Unternehmen, die für den Fall eines Unfalles oder, noch schlimmer, des Todes der Unternehmerin bzw. des Unternehmers weder privat für die Familie noch für das Unternehmen Regelungen getroffen haben. Hier kann das IHK-Notfall-Handbuch Anregung, Orientierung und Leitfaden sein.

Das IHK-Notfall-Handbuch finden Sie hier.